Die Zeit der Rituale

Seitdem wir aus dem Rheinland nach Bayern gezogen sind, haben wir unseren Familien zu Weihnachten immer ein Familienfoto als Weihnachtsgruß geschickt. In diesem Jahr haben mein Mann und ich lange überlegt, ob wir das diesmal auch wieder tun. Denn auf dem Foto von 2011 wären wir einer weniger und auch bei den Empfängern ist eine weniger als 2010. Auf der einen Seite fühlt es sich nicht stimmig an dieses Ritual weiterzuführen, als wenn nichts gewesen wäre. Und auf der anderen Seite wissen wir, wie viel Freude alle an den Fotos haben. Was tun?

Wir haben uns entschieden wie jedes Jahr eine Weihnachtskarte zu schicken und den Platz, wo sonst das Foto ist, frei zu lassen. Verbunden mit der Einladung, dass jeder dort das Bild von meiner Mutter und/oder von meinem lieben alten Buben sich vorstellen soll, das er oder sie mit den beiden verbindet.

Mir ist hier wieder einmal klar geworden, wie wichtig Rituale sind – und wie wichtig es ist, sie immer mal wieder einem Update zu unterziehen. Stimmt das alles so noch? Für mich? Für uns? Fehlt etwas? Oder ist etwas zuviel?

Gerade jetzt so kurz vor Weihnachten und vor dem Jahreswechsel ist die ideale Zeit genauer hinzuschauen und vielleicht ein wenig aufzuräumen. Denn gerade jetzt wiederholen sich viele Rituale automatisch, vielleicht weil „das“ in der Familie schon immer so gemacht wurde oder weil „das“ im Dezember halt so ist.

Hier mal den Automatikmodus auszuschalten und hinzuschauen, kann auch ungemein die Nerven schonen. Denn vielleicht hat keiner mehr wirklich Freude an dem einen oder anderen Ritual. Aber weil jeder vom anderen denkt, dass es ihm wichtig sei, macht man halt mit. Hier mal die Karten auf den Tisch zu legen, kann recht erhellend sein.

Und manche Rituale gehören für einen persönlich einfach dazu – und bekommen nach dieser Erkenntnis noch mal mehr Bedeutung. Denn dann dürfen sie einen festen Platz einnehmen und uns erinnern. An den oder die Menschen, die uns diese Rituale gelehrt haben. Und damit bekommen dann auch sie wieder einen Platz.

Was kann ich leisten?

Vor dieser Frage stehe ich zurzeit, denn meine Mutter ist schwer krank und die Ärzte geben ihr nicht mehr viel Zeit. Und so habe ich zwar den Wunsch, das bisschen Zeit, das sie noch hat „optimal“ zu nutzen – nur wohnt sie in Bonn und 600 km sind nun einmal 600 km. Die Idee, sie hier an den Ammersee zu holen, zu mir nach Hause, haben wir – nachdem wir beide uns tief in die Augen geschaut haben – wieder fallen lassen. Denn, so sehr ich es auch möchte: Das was meine Mutter an Begleitung brauchen wird, leiste ich nicht.

Warum ich das hier erzähle? Gerade unter den Aufstellern gibt es so „Erkenntnisse“, die hier gerne als „Rat“ über die Bedürfnisse des oder der Betroffenen gestülpt werden. Eine davon ist, dass ich als Jüngste in der Familie – systemisch betrachtet – die Pflicht habe, mich zu kümmern. Soweit so gut. Nur kann so eine Aussage den Betroffenen in tiefe Nöte stoßen. Denn hier kommt es sehr darauf an, was unter kümmern verstanden wird. Und bevor man solche Weisheiten kund tut oder gar als Dogma hinstellt, sollte man erst einmal herausfinden, wie der andere dazu steht.

Denn wir alle haben in unseren Familien (Glaubens)Sätze rund um so eine Situation mit auf den Weg bekommen. Nur stammen die häufig aus einer Zeit in der man als Großfamilie unter einem Dach lebte und das Kümmern und Sterben Zuhause normal war. Heute ist das nicht mehr normal. Heute heißt es anders hinschauen, neu hinschauen. Und herausfinden, was kann ich leisten und was eben nicht? Und was will ich leisten und was eben nicht? Und wenn ich es nicht will, warum? Ist da noch zuviel Wut? Ist da Angst? Oder Scham? Oder einfach das Wissen um die eigenen Grenzen?

Hier hilft reden um all das zu sortieren. Und das am besten nicht mit dem Kranken oder anderen Familienmitgliedern, sondern mit einem verstehenden, nicht dogmatischen Dritten. Jemandem, der einem nicht mit „Du musst …“, „Das bist du deiner Mutter/deinem Vater schuldig“ oder ähnlichen Sätzen kommt. Sondern da ist und den Raum hält.

Wir haben in unserem Aufstellungsseminaren die Erfahrung gemacht, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die ihre Eltern oder auch andere (nahe) Angehörige zu Grabe getragen haben, ein Quell an Erfahrung und Empathie sind. Hier, getragen durch die Kraft der Gruppe, solche Themen gemeinsam zu erforschen und von denen zu lernen, die den Weg bereits gegangen sind, kann in so einer schwierigen Zeit Ruhe und Frieden in ein aufgewühltes System bringen.

Denn wir müssen damit nicht alleine bleiben – auch wenn wir alleine sind.

Der Oscar für die beste Familienrolle geht an …

Als ich mir heute Morgen die Liste der diesjährigen Oscargewinner angeschaut habe, kam mir eine Idee: Wenn man sich mal das Familienleben der Kindheit anschaut wie einen Film, wer würde dann für welche Rolle einen Oscar bekommen? Wer würde nicht einmal nominiert? Wäre es die Mutter für die beste Maske? Oder der Bruder für die beste männliche Nebenrolle? Bekäme der Vater den Regie-Oscar? Wer hätte ein Anrecht auf die begehrten Hauptrollen und was wäre mit den Spezialeffekten?

Je länger ich über diese Idee nachdenke, umso reizvoller wird sie. Denn um die Oscars wirklich den „Leistungen“ entsprechend zu verteilen, muss man für eine Weile aus dem Film aussteigen. Ein gewisses Maß an Distanz braucht es, um hier urteilen zu können. Und da die Oscars ja auch im wirklichen Leben einmal im Jahr verteilt werden, kann man sich die Familie auch in unterschiedlichen Phasen anschauen.

Bis wann war klar, dass Papa und Mama die besten Hauptdarsteller in unserem Leben waren? Ab wann hatten sie dann keine Chance mehr auf diesen Titel? Wer rückte an ihre Stelle – und warum?

Hier die offizielle Liste der Preisträger: Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller, Beste Hauptdarstellerin, Bester Nebendarsteller, Beste Nebendarstellerin, Bestes Originaldrehbuch, Bestes adaptiertes Drehbuch, Bester Animationsfilm, Bester fremdsprachiger Film, Bester animierter Kurzfilm, Bester Kurzfilm, Bestes Szenenbild, Beste Kamera, Bestes Kostümdesign, Bester Dokumentarfilm, Bester Dokumentar-Kurzfilm, Bester Schnitt, Bestes Make-Up, Beste Filmmusik, Bester Filmsong, Bester Ton, Bester Tonschnitt, Beste visuelle Effekte

Ich wollte erst ein paar streichen, aber dann wurde mir klar: Zu jeder Kategorie gibt es einen Preisträger. Vielleicht ist es dann nicht nur ein Mensch, sondern gleich eine ganze Situation. Vielleicht fällt ihnen ja das nette Kleidchen bei Omas 80zigstem ein für die Rubrik „Bestes Kostümdesign“. Lassen Sie sich mal überraschen, wie Ihre persönliche Oscarnacht aussieht.

Weihnachten ist rum. Und nun?

So, jetzt ist Weihnachten also rum. Und damit all die Hetzerei und all der Stress der letzten Zeit. Mir ist es in diesem Jahr zum ersten Mal wirklich gelungen mich von all dem Stress nicht anstecken zu lassen. Mein Mann und ich haben uns ein paar komplett friedliche Tage gemacht und den Weihnachtsmann einfach einen guten Mann sein lassen.

Da ich ja wusste, dass es bei uns in diesem Jahr durchweg entspannt zugehen würde, bin ich gerade in der letzten Woche mit sehr wachen Sinnen unterwegs gewesen und habe meine Umgebung beobachtet. Denn ich war neugierig, was genau alle so unter Druck setzte. Unterm Strich war es bei allen der Anspruch, dass am 24. alles auf den Punkt sein musste. Das Essen musste was besonderes sein, die Deko auch – eh klar -. Dazu musste alles sauber und ordentlich und natürlich insgesamt dem Anlass angemessen sein – was auch immer das heißen soll.

Und schon wird deutlich: an keinem anderen Event im Jahr prallen die Vorstellungen und Ansprüche so unbarmherzig aufeinander, wie auf Weihnachten. Beim Fest der Liebe hängt die Latte halt von Natur aus sehr hoch. Da rennen alle irgendwelchen Idealen hinterher und treffen dann völlig entnervt und abgehetzt unterm festlich geschmückten Baum aufeinander. Und sollen sich schlagartig lieb haben und den Stress der letzten Zeit vergessen. Wohl dem, der hier die Fähigkeit der Dissoziation beherrscht.

Denn bei allen liegen die Nerven dichter unter der Oberfläche als sonst. Und es wird schneller und leichter auf den Anschein einer Kritik reagiert. Wie, der Baum ist nicht so schön wie im letzten Jahr? Was, das Essen ist nicht mehr ganz warm? Ja, ja. Der Pullover ist schon toll. Aber … Und schwups fühlt man sich nicht gesehen und missachtet. Dabei hat man sich doch neben dem ganz normalen täglichen Wahnsinn dieser Familie soooo viel Mühe gegeben. Das ist also der Dank?!?!?!

Wie die Geschichte weitergeht, brauche ich wohl nicht weiter auszuschmücken. So oder so ähnlich hat sicherlich jeder von uns schon einmal dieses besinnliche Fest genießen dürfen.

Nur Fakt ist: Diesen Stress machen wir uns selber. Denn ob und wie wir auf die Ansprüche unserer Umgebung reagieren, ist und bleibt unsere Sache. Ja, hierfür wurde in unserer Familie die Saat gesäät, aber ob wir sie alle Jahre wieder munter düngen, ist alleine unsere Entscheidung.

Sollten Sie nach einem turbulenten Weihnachtsfest und einem nicht minder turbulenten Jahr Ihrer Seele noch einen Jahresausklang der besonderen Art gönnen wollen, sollten Sie unser Jahresendspecial am 30. Dezember nicht verpassen. An diesem Tag wird es Aufstellungen geben und wir schauen gemeinsam, was es braucht, damit 2010 gut in die Geschichte eingehen kann. Lassen Sie sich überraschen.

Schöne Worte

Am vorletzten Sonntag waren in der Welt am Sonntag Erinnerungen des Modeschöpfers Wolfgang Joop an seine Mutter Charlotte zu lesen, die ein paar Tage zuvor gestorben war. Ich hatte im Fernsehen mal eine Reportage über die besondere Beziehung der beiden gesehen und so war ich neugierig, was er geschrieben hatte. Und die folgende Passage fand ich eine sehr stimmige und gute Beschreibung, was der Krieg in Familien anrichtet:

„(…) Das Leben dieser Generation war ja nicht unbedingt leicht, die Biografien der Frauen schon bemerkenswert. Welche Heldinnen waren sie, emanzipiert, um zu überleben, die Kinder durchzubringen. Auch wenn die drei Ebert-Schwestern priviligiert waren, weil sie auf dem Gut vom Großvater in Bornstedt lebten und es im Krieg Essen gab und Kuhmilch. Aber eben auch keine Männer, bis auf die Alten. Mein Vater war im Krieg, auch als ich geboren wurde, viele Jahre waren die Eltern getrennt. Vor den Russen floh Charlotte mit mir und Tante Ulla zeitweise nach Hamburg, kehrte aber wieder zurück. Doch es dauerte noch Jahre, bis mein Vater wiederkam. Sicher war es nicht leicht für Mutter, als er endlich wieder da war, gezeichnet von der Krieggefangenschaft und sie Emotionen balancieren musste zwischen ihrem verwöhnten, süßen Wolfi, der so schön zeichnen konnte und erschrocken war von der plötzlichen Unordnung in seinem freien Bornstedter Leben, und dem Vater, der noch das Korsett der preußischen Disziplin trug und dunkle Erinnerungen an die lange Gefangenschaft tragen musste.

Ich wollte meine Mutter nicht teilen. Und sie wollte sich nicht nur teilen. Aber sie folgte meinem Vater nach Braunschweig (…) Und ich musste natürlich auch folgen. Was die Beziehung nicht entspannte. Ich konnte die Erwartungen meines Vaters nicht erfüllen, und wir konnten uns gegenseitig nicht trösten. Ich war eifersüchtig und einsam. (…)“