Kollision mit der Endgültigkeit

Der Tod meiner Mutter ist nun fast 7 Wochen her und ich bin jetzt in der Phase, die ich „Kollision mit der Endgültigkeit“ nenne. Da meine Mutter immer sehr umtriebig war, kam es häufig vor, dass wir über längere Zeit keinen oder kaum Kontakt hatten. Und so war da bisher eine Stimme in mir drin die sagte, „Hab noch ein bisschen Geduld. Sie kommt ja – wie immer – wieder.“ Klar hat mein Kopf direkt dagegen gewettert, aber diese Stimme war da – und sie tat mir gut. Nur wird diese Stimme immer leiser und die Endgültigkeit rückt gnadenlos in den Vordergrund.

Letzte Woche sind gleich zwei Dinge passiert, die mir diese Endgültigkeit haben kollidieren lassen:

Eine der beiden besten Freundinnen meiner Mutter hat mir letzte Woche einen Brief geschickt und als ihn öffnete, blickte ich das Gesicht meiner Mutter, denn Edith hatte ein Foto beigelegt. Damit hatte ich nicht gerechnet und das Foto zeigt meine Mutter mit ihrem Hund auf dem Arm. Strahlend, lebendig, aktiv, lustig, zufrieden … Weg war der Boden und ich musste das Bild schnell wieder im Umschlag verschwinden lassen.

Das andere Erlebnis hatte ich hier im REWE. Nach meiner Hunderunde wollte ich nur schnell noch was für den Abend einkaufen. Und da standen sie, die ersten Pflaumen. Immer zur Pflaumenzeit war meine Mutter hier und hat mir ihre Pflaumenpfannkuchen gebacken. Ein so liebgewonnenes Ritual, das es nie wieder geben wird.

Ja, trauern geschieht in Phasen – mal geht’s und dann wieder nicht. Mal kann man schmunzeln wenn man an den oder die Verstobene(n) denkt, mal nur heulen. Mal fühlt es sich an, als wenn irgendwie mehr Platz wäre und dann wieder ist alles so eng, als wenn kaum Luft zum Atmen wäre.

Ich lasse mich zurzeit einfach von dem einfangen und mitnehmen, was da ist. Lass die Wellen sich aufbauen, anlanden und schaue ihnen zu wie sie sich wieder zurückziehen. Eine intensive und gleichzeitig friedliche Zeit. Keine leichte Zeit, aber eine Zeit mit vielen Qualitäten und Nuancen. Und ich ich bin gespannt, wo ich noch überall landen werde.

Alte Fotos

Meine Schwester und ich haben uns am letzten Wochenende durch Berge von Fotos gewühlt, die wir in der Wohnung unserer Mutter gefunden haben. Fotos aus der Zeit vor unserer Geburt genauso wie Fotos der letzten Urlaube unserer Mutter. Etappen des Lebens. Einige der alten Bilder kannte ich, an einige konnte ich mich nicht erinnern und gerade die Bilder der Jahre in denen ich nicht mehr bei meinem Eltern gewohnt haben, zeigten meinen Vater und meine Mutter in einer Weise, die mir richtig fremd war.

Und da kam mir die Frage: Was wissen wir schon über unsere Eltern? Wir meinen sie zu kennen, wir meinen zu wissen, wer und wie sie sind. Aber mal ehrlich: was bleibt, wenn wir unsere Kinderbrille, die häufig von Mangel geprägt ist, von der Nase nehmen? Wenn wir nicht mit Vorwürfen oder Ansprüchen auf unsere Eltern schauen? Was sehen wir dann?

Ich habe auf den Fotos zwei Menschen gesehen, die viel Spaß hatten. Auf einigen Bilder konnte man die Liebe zwischen den Beiden sehen. Wieder andere waren so gestellt und unecht, dass es richtig gruselig war. Da waren Orte abgelichtet von denen wusste ich noch nicht einmal, dass meine Eltern da waren. Und ich habe Bilder einer super schicken, attraktiven Frau gesehen, die nach der Trennung von meinem Vater richtig Gas gegeben hat.

In unseren Aufstellungen verwenden wir gerne für die Mutter oder den Vater 3 Repräsentanten: einen für die Frau/den Mann, einen für die Ehefrau/den Ehemann und einen für die Mutter/den Vater. Denn sie sind alle drei. Nur schauen wir häufig nur auf die Mutter/den Vater – und verpassen viele Facetten.

Für alle die, die noch Zugriff auf alte Fotos haben: Kramt sie raus und schaut Euch den Menschen auf dem Bild an. Was für eine Frau, was für einen Mann sehr Ihr wenn Ihr die Kinderbrille absetzt? Ich habe viele interessante Dinge entdeckt und ich muss sagen: Das waren zwei interessante Menschen.

Was bleibt?

Als meine Schwester und ich letzte Woche die Wohnung unserer Mutter vorsortiert und gesichtet haben, kam mir die Frage in den Kopf: Was bleibt, wenn wir gehen? Denn ein paar Bilder, Hosen und Fotos kann es ja nicht sein. Und die Urne, der wir bei der Gedenkfeier am Mittwoch gegenübersitzen werden, ist ja auch nur ein Behälter für ein wenig Asche.

Was also bleibt von einem – im Fall meiner Mutter – 70 Jahre lang gelebten Leben?

Ich weiß, das ist eine Frage über der schon so mancher Philosoph verzweifelt ist und ich denke, sie ist in der jetzigen Situation normal und sie wird mit der Zeit auch wieder an Bedeutung verlieren.

Aber dennoch ist sie es wert innezuhalten. Auf den Ist-Zustand zu schauen und sich zu fragen: Wenn ich jetzt abtreten würde, was würde bleiben? Vielleicht die Kinder, wenn welche da sind. Ja. Aber was noch?

Als wir mit dem Pfarrer zusammengesessen haben, fragte er uns: „Was für ein Mensch war Ihre Mutter?“ Und wo ich so darüber nachdachte, was ich ihm jetzt in der Kürze der Zeit sagen könnte, fragte ich mich zum einen: was würde sie wollen, was er – und damit die Menschen auf der Gedenkfeier – von ihr wissen. Und: was würde ich wollen, dass man über mich einmal sagt?

Okay, es wird nirgendwo so viel gelogen, wie auf einer Beerdigung. Aber da wir ja alle noch putzmunter und lebendig sind, könnten wir es ja einmal mit der Wahrheit versuchen.

Ich habe heute einen vielleicht merkwürdigen klingenden Vorschlag an Euch: Schreibt eine Art eigenen Nachruf. Was war gut? Was fehlt (noch)? An was soll man sich erinnern? Wie soll man sich an Euch erinnern?

Mal schaun, was der Pfarrer aus unseren Informationen über Mama macht und welches Bild von ihr er im Raum entstehen lässt.

Gedanken

Meine Mutter ist in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch gestorben. Meine Schwester war bei ihr. Dass es dann so schnell gehen würde, damit hatte niemand gerechnet. Wir sind alle erleichtert, dass ihr Leiden schnell vorbei war. Und gleichzeitig stehen doch alle unter Schock. Die, die sie am Dienstag noch gesehen haben, wegen dem, was sie gesehen haben. Und ich, weil ich es einfach nicht fassen kann. Jetzt ist sie weg. Ich werde sie nicht einfach mal wieder anrufen können, mit ihr plaudern können, sie in den Arm nehmen können.

Teil dieser Erfahrung ist es zurzeit auch, wie mir die Menschen in meiner Umgebung begegnen. Viele hilflos und nur wenige mit den für mich passenden Worten. Die, deren Worte mich am meisten berührt haben, sind auch die, die diesen Weg bereits gegangen sind. Die wissen, wie es sich anfühlt. Was es braucht, und was eben nicht. Bei anderen ist viel Angst vor dem eigenen noch vor ihnen liegenden Weg mit dabei. Und wieder andere steuern es über den Kopf.  „Sei doch froh, dass sie nicht lange leiden musste.“ Ist klar. Gibt’s dafür einen Knopf?

Am wenigsten kann ich mit den Kommentaren umgehen, die in die Richtung gehen von „Aber natürlich kannst du noch mit ihr reden. Sie hört dich doch immer noch. Nur anders.“ Ich weiß, dass es ein tröstlicher Gedanke sein soll, aber der ist mir jetzt noch nicht möglich. Jetzt klafft einfach ein riesen Loch und die Vorstellung, dass ihre Seele (noch) irgendwo ist, ist mehr Hoffnung, als Wissen oder Glaube.

Und doch tut es gut, all die lieben Worte zu hören oder zu lesen. Denn auf eine gewisse Art bin ich grad von der Welt da draussen wie abgeschnitten. Und all die Worte erinnern mich daran, dass mein Leben weiter geht. Dass Ideen und Projekte, für die in den letzten Wochen kein Platz war, darauf warten, mit Leben gefüllt zu werden.

Aber alles zu seiner Zeit.

Jetzt ist die Zeit zu trauern. Zusammenzurücken. Sich Geschichten zu erzählen. Sich zu erinnern.

Ein Geschenk von meiner Mutter

Ich bin gestern aus Bonn zurück gekommen nachdem ich am Donnerstag meiner Mutter bei ihrem Umzug ins Hospiz geholfen habe. Ab Dienstag ist meine Schwester in Bonn und ich fliege – wenn sich der Zustand unserer Mutter nicht vorher verschlechtert – am Donnerstag wieder hin. Vielleicht habe ich sie gestern zum letzten Mal gesehen, vielleicht haben wir noch ein wenig Zeit gemeinsam. Ich weiß es nicht. Und selbst für die Mitarbeiter im Hospiz, die ja den Tod bereits in vielen Formen gesehen haben, ist jeder Tod wieder neu und so einzigartig wie der Mensch, der stirbt.

Um Mama so viel Ruhe und Schutz zu geben wie möglich haben ihre beiden besten Freudinnen und wir Kinder uns auf Regeln geeinigt, wie die Besuche bei Mama geregelt werden. Denn durch all die Schmerzmittel ist Mama immer nur einige Minuten wach und selbst dann kaum ansprechbar.

Der Kontakt zu diesen beiden Freundinnen meiner Mutter ist gerade wirklich ein Geschenk. Und das gleich im Doppelten Sinne. Denn zum einen macht es mich als Tochter stolz, dass meine Mutter so tolle Freundinnen hat. Und zum anderen sind sie mir gerade wie Ersatzmütter.

Die momentane Situation schweißt uns auf eine ganz besondere Weise zusammen und doch hat jeder hier seine eigenen Themen. Als die eine Freundin gestern sagte, dass es für uns Kinder ja noch viel schlimmer ist, habe ich ihr widersprochen. Denn hier gibt es kein schlimmer oder weniger schlimm. Ich verliere bald, sehr bald meine Mutter und sie verliert bald, sehr bald ihre beste Freundin. Das ist nicht schlimmer, nur anders.

Wir erzählen uns gerade viel über Mama und so lerne ich meine Mutter auch auf einer anderen Ebene und aus einer anderen Sicht kennen. Ihre Freundinnen beschreiben mir wie sie den Menschen als Freundin erlebt haben und ich merke: das konnte ich als Kind nicht erleben. Denn ich bin nicht ihre Freundin. Ich bin ihre jüngste Tochter. Sie und ihre Freundinnen sind die Großen und bin die Kleine. In meinem Freundeskreis bin ich auf der Ebene der Großen und die Kinder sind hier die Kleinen. Eine Ordnung, die ich gerade jetzt sehr intensiv als stimmig erlebe. Und mich darin bestärkt hellhörig zu werden, wenn jemand in unseren Seminaren sagt, die Mutter wäre die beste Freundin. Da gehören wir Kinder nicht hin.

Ich erlebe es als entlastend meine Ebene zu haben, die nicht verteidigen zu müssen und den Freundinnen meiner Mutter ihre Ebene zu lassen. Das schafft Platz für jeden und Respekt. So kann jeder von seinem Platz aus Mama begleiten und trauern – und gleichzeitig entsteht ein System, dass tragfähig ist.

Dieses System ist ein Geschenk. Danke Mama.