Lob – wie ecklig!
Ein Thema der aktuellen „Psychologie heute“ lautet: „Eine seltene Erfahrung: Respekt am Arbeitsplatz“. Es geht um das Bedürfnis der Menschen, an ihrem Arbeitsplatz von den Kollegen und vom Chef respektvoll behandelt zu werden. Laut einiger Studien ist das den Menschen wichtiger, als (mehr) Geld und Freizeit.
Nur wie zeigt man Respekt? Und wie nimmt man selber Respekt wahr?
Es ist leicht gesagt, ich fühle mich nicht respektiert. Nur wenn man dann mal nachhakt, wie es sich denn anfühlt, respektvoll behandelt zu werden, herrscht zumeist Stille.
Hintergrund dieses „Phänomens“ ist: Als Kinder waren wir von Menschen umgeben, die wussten, was gut für uns ist. Oder zumindest meinten, es zu wissen. Und je nachdem, wie viel Spielraum diese Menschen dem Kind gelassen haben, sich auszuprobieren, hatte das Kind die Chance eigene Kriterien zu entdecken. War hier wenig oder gar kein Spielraum, haben wir bereits als Kinder gelernt, zu re-agieren, statt zu agieren. Wir haben etwas getan und dann geschaut, wie die anderen reagieren. Passierte nichts oder wenig, war es o.k., waren wir o.k. Kam Gegenwind haben wir was anderes getan und wieder geschaut und so weiter und so weiter. Nur: jedem alles recht getan, ist ´ne Kunst die keiner kann.
War das aber die (Überlebens)Strategie unserer Kindheit, blieben für den Preis der Zugehörigkeit unsere eigenen Kriterien und Bedürfnisse unmerklich auf der Strecke.
Und heute schreien wir nach ihnen: wollen am Arbeitsplatz gesehen und respektiert werden. Wollen vom Partner gesehen und respektiert werden. Wollen von den Freunden, Bekannten und Nachbarn gesehen und respektiert werden.
Und haben doch vor nichts mehr Angst, als gesehen und respektiert zu werden. Denn was könnte der andere (schon) sehen? Unsere Unzulänglichkeit? Unsere Ecken und Kanten? Unsere Fehler? Schließlich haben wir in unserer Kindheit ausreichend oft gehört, dass wir nicht o.k. sind. Wie kann dann heute jemand behaupten, wir hätten das gerade gut gemacht? Wenn dieser jemand uns wirklich kennen würde, würde er so einen Mist nicht erzählen. Und schon verpufft ein Lob oder erbrachter Respekt im Äther. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Was bleibt, ist das Gefühl, nicht respektiert zu werden.
Dabei wäre die Lösung denkbar einfach: Wenn man für sich erkennt, welches Lob und welcher Respekt einem eigentlich fehlt und von wem, müsste man nicht mehr am Arbeitplatz, in der Beziehung oder in der Nachbarschaft danach suchen. Denn all diese Menschen können einen nicht mehr für das Bild, das man extra für Mama im Kindergarten gemalt hat, loben. Oder das so ersehnte Strahlen über die Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen auf Papas Gesicht zaubern.
Hier aber kann eine Familienaufstellung ein kleines verletztes Stück Kindheit wieder heil machen. Damit heute ein ernst gemeintes Lob auch da ankommen darf, wo es hingehört: in unserer Seele.

